Freitag, 23. Juni 2023

Tag 28: Noch mehr Landschaft, kaum auszuhalten!

Freitag, 16.06.2023
Morgens 15°, Nachmittags 28°; schwül und bedeckt

7,75h mit Pausen, 5h reine Laufzeit
20km

Līgatne nach Kārļi

Ich komme sehr spät los für meine Verhältnisse. Frühstück gibt es m Café erst ab 09.00, aber ich habe natürlich auch nichts dagegen, morgens einfach mal etwas länger liegen zu bleiben. Dabei kann ich auch gleich noch die Aussicht aus meinem Fenster genießen, eine bemalte Wand, garniert mit einer Trockenhaube. Ich gucke und staune und gebe „Daumen hoch“-Emoji. Das Frühstück wird von mir ratzeputz vertilgt, dann kommt allerdings noch das Omelette, das ich fast schon vergessen hatte. Ein Riesenbatzen Ei mit Käse, aber es gilt: Was drin ist, ist drin.

Abreisefertig ziehe ich durch das Dorf, eine vollkommen seltsam anmutende Siedlung. Entstanden nach 1815 rund um eine Papierfabrik, mit Backsteingebäuden soweit das Auge reicht. Durch die verstreute Lage der Häuser in, an, und auf den Hügeln wirkt der Ort eher wie aus dem Harz oder dem Zittauer Gebirge. Auf jeden Fall vollkommen anders als alles, was ich die letzten Wochen gesehen habe. Hier – muß ich nochmal hin. Hier gefällt es mir.

Ich muß ein bißchen Straße laufen, aber nach einer Dreiviertelstunde kann ich auf einen schmalen Pfad in den Wald abbiegen, unmarkiert, schlängelnd, bergab. Er spuckt mich unten in der Nähe des Flusses wieder aus, neben dem todsiechen Spielplatz einer Reha-Klinik, Der Putz bröckelt, die Spielgeräte sind rostig und verfallen, die Gardinen im Pförtnerhäuschen Vorkriegsware, aber der Rasen: Top gepflegt!

Ein kleiner Abstecher zu den Ķūķu-Felsen muß sein, eine Sandsteinformation am Fluß. Ich stapfe über kleine Trampelpfade am Sandstrand entlang und gucke und staune. Gleich drüben am Picknickplatz macht gerade ein Mountainbiker Pause und macht Anstalten sich auszuziehen, um mal schnell ins Wasser zu hüpfen. Er hat mich noch nicht gesehen und als er gerade anfangen will, die Unterhose abzustreifen, bin ich ein netter Mitbürger und pfeife kurz ein Liedchen, damit er mich bemerkt. Ich wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen, daß ich seinem nackten Arsch überraschend von der Flußseite aus Guten Tag sage...

Zwanzig Minuten weiter beginnt an einem Parkplatz an der Straße das Amata-Tal, ein gewundenes Flußtal mit einem Zufluß zur Gauja. Kenne ich auch schon aus dem Winter, was damals auch schon klasse. Ich bin sehr gespannt, wie es jetzt im Sommer aussieht. Auf dem Parkplatz ist ein Buffet aufgebaut und der Grill wird gerade angeworfen, mir läuft sofort das Wasser im Mund zusammen, aber ich kann beruhigt sein: Meine Unterkunft für heute Abend serviert ein Abendessen. Ich bin also wieder mehr als versorgt.

Das Amata-Tal ist zwar eigentlich ein Umweg, aber optisch ein wirklicher Leckerbissen. Hier:


Mir kommt eine lose Gruppe Amerikaner entgegen, wahrscheinlich wartet für sie das Buffet am Parkplatz. Touristen hat es hier reichlich, aber es ist genug Platz für alle da.

Auf der großen Wiese am Zvārtes-Felsen mache ich nochmal Pause und schaue ein bißchen auf die Uhr. Der weitere Weg am Fluß entlang ist zwar wunderschön, dauert aber wahrscheinlich zu lange. Ich muß also die schwierige Entscheidung „Abendessen oder Landschaft“ treffen – und ziehe los, die Abkürzung anpeilend. 1,5h Schotterstraße sind einfach schneller als 3h Bummeln am Fluß.

Als ich auf die Wiese des kleinen Hotels in Kārļi einbiege, sehe ich als erstes mehrere Autos mit deutschen Kennzeichen. Die freundliche Dame, die vor dem Haus sitzt (und die ich natürlich für meine Gastgeberin halte), erwidert meine „Labdien“-Begrüßung mit einem sehr deutschen „Hallo“. Ich mache mich in meiner kleinen Mansarde frisch, dann gibt es Abendessen im Garten. Alles genau richtig gemacht heute.

Donnerstag, 22. Juni 2023

Tag 27: Endlich, Landschaft!

Donnerstag, 15.06.2023
Morgens 13°, Nachmittags 26°; meiste
ns sonnig
8,5h mit Pausen, 6h reine Laufzeit
27km

Sigulda nach
Līgatne

Ich habe einen Fehler gemacht. Aber das ist ja nichts Neues. Ich hatte mir mein Apartment in Sigulda rein danach ausgesucht, ob es mir gefällt – und nicht danach, wo es eigentlich liegt. Zum Ankommen war die Unterkunft genau richtig: Am südlichen Stadtrand. Zum Weiterlaufen eher weniger. Als ich den eigentlichen Startpunkt der Etappe erreiche, habe ich schon über 4km auf der Uhr. Na herrlich! Alle Zeichen stehen bei mir schon auf Sturm, 22 Grad am Morgen, den ersten Umweg schon gelaufen, Grrrrrr!

Da sehe ich im Vorübergehen auf dem Zebrastreifen etwas im Augenwinkel. Die Sonne bildet um den Schatten meines Kopfes eine Glorie, eine Lichterscheinung wie man sie manchmal aus dem Flugzeug beobachten kann. Das finde ich höchst passend und stelle jegliches Mosern sofort ein.

Aber dafür, dann! Oh! Ah! Ach! Noch schnell über eine Baustelle mit streng/skeptisch daherschauendem Bauherren gewuselt, zwischen zwei Büschen im Wald verschwunden und los geht’s mit dem, was ich seit Wochen vermisst habe. Kleine Pfade, Hänge, Hügel, Schluchten, Landschaft, Bäche, Quellen, Sandsteinfelsen, Bacherl/Brückerl, ein Augenschmaus.


Weiter unten am Fluß sehe ich zum ersten Mal auf dieser Reise die Gauja; der Fluß, dem ich die nächsten Tage flußaufwärts folgen werde. Ich war in dieser Gegend schonmal im Winter, damals mit viel Schnee und so vereisten Wegen, so daß ich teilweise an einfachen Steigungen gescheitert bin, weil kein Halt zu finden war. Jetzt ist alles in Grün explodiert und es geht sich leicht und frisch durch diesen Wald am Fluß. Der Tag wird heiß werden, aber hier unten im schattigen Tal ist es noch angenehm kühl. Daß dafür die Mücken hier nicht nur wohnen, sondern auch die Lufthoheit haben, war mir vorher klar. Ein Extra-Klacks Mückenmittel muß irgendwie helfen.

Ich treffe auf das nächste „Kuriosum“, einen markierten Wanderweg! Seit Wochen nicht gesehen... Der weiß/gelb/weiße Weg führt in ca. vier oder fünf Tagesetappen nach Valmiera, ich werde ihm grob folgen. Der erste schöne Pausenplatz am Fluß ist dabei natürlich meiner, ich sitze lange im Schatten und schaue mir an, wie das Wasser langsam von rechts nach links vorbeizieht.


Eine halbe Stunde weiter kommt mir die Welt plötzlich sehr bekannt vor, dieses Stück des Weges bin ich bei besagter Winterwanderung schon mal gelaufen. Leider habe ich die Fotoas davon nicht mehr auf dem Telefon, eine Gegenüberstellung Winter/Sommer wäre jetzt schick. Damals im kniehohen Schnee, jetzt eitel Sonnenschein. Besonders schön ist für die nächsten Stunden, daß ich überhaupt nicht auf die Karte gucken muß, ich kenne den Weg ja. Überhaupt hatte ich schon vorgestern in Sigulda das Gefühl, daß ich irgendwo anknüpfe, daß mir das hier alles nicht fremd ist, daß ich mich hier ein Stück weit auskenne. Nach 5 Wochen unterwegs im Ungewissen fühlt es sich sehr entspannt an, eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, was voraus auf dich wartet.

In meinem Fall natürlich wartet natürlich die nächste Pause auf der Zeltwiese Berzi, eingerichtet für die Kanutouristen, mit Gapahuks und Picknicktischen, Flußblick und sehr schickem Plumpsklo. Die kleine Quelle drüben im Wald, die ich mir als Wassernachschub gemerkt hatte, ist natürlich trocken. Dafür hat es die letzten Wochen einfach zu wenig geregnet.

Die Wege der nächsten Stunden sind einfach klasse. Kleine bis mittlere Trampelpfade verbinden die einsamen Höfe, die hier unten am Fluß liegen. In manchen wird nur gewohnt, in manchen gedeihen Schafe, manche bekomme ich nur aus der Entfernung zu sehen.


Aber ich merke, daß sich der Tag zieht. Ich hacke nicht mehr wie sonst mit 5 oder 6 km/h über irgendwelche Feldwege, sondern ich schlängele und bummele und genieße mit vielleicht 3 oder 4 km/h den Fluß entlang. Aus den eigentlich gedachten 22km werden am Ende 27km für heute, also wird es spät. Ich habe mich spontan für ein Hotel in Līgatne entschieden. Ich hätte locker auch irgendwo am Fluß zelten können, aber ich hatte Bock auf ein Bett. Also biege ich etwas verfrüht vom Fluß ab und arbeite mich langsam die Hänge hoch.

Oben in Līgatne fühlt sich die Welt fast an wie auf einem Gebirgspaß, links liegt mein Hotel mit angeschlossenem Kletterpark. Es gibt ein Café, das von vorne auf den ersten Blick aussieht wie ein Container, sich dann aber Ewigkeiten weiter nach hinten in die nächsten Gebäude erstreckt. Eine aus- und umgebaute Fabrik, Eventlocation und Galerie in einem, mit viel Kunst und Platz für Gäste. Ich wandere immer wieder staunend durch dieses Haus und die vollkommen unerwarteten Räume, plündere den kleinen Getränkekühlschrank auf dem Flur und bin insgesamt vollkommen high von diesem Tag.

Alles ist anders als bisher, und es ist super. Ich freue mich tierisch darauf, die nächsten Tage durch diese Landschaft zu wandern.

Mittwoch, 21. Juni 2023

Pausentag in Sigulda. Und eine kleine Kilometerzählung...

Vollkommen unmotiviert, hab noch nicht mal das Haus verlassen. Wäsche waschen, Blog nachholen, Sofa, die nächsten Tage anschauen. Ab morgen ändert sich das Landschaftsbild um 180°. Wo bisher endlose Felder / Wiesen / Wald das Bild dominierten, tauche ich nun ab morgen in den Nationalpark Gauja ein. Ein tief eingeschnittenes Flußtal mit Sandsteinklippen und schmalen Pfaden. Auf jeden Fall komplett anders als die Landschaft der letzten Tage. Und darauf freue ich mich tierisch.

Außerdem habe ich zum Spaß mal ein bißchen gerechnet:

181km Druskininkai bis Vilnius, 7 Tage
219km Vilnius bis Daugavpils (ohne ausgelassene Etappe), 9 Tage
118km Daugavpils bis Jekabpils, 4 Tage
141km Jekabpils bis Sigulda, 5 Tage

Damit steht der aktuelle Kilometerzähler bei bisher 659km. Weiter gehts!

Dienstag, 20. Juni 2023

Tag 26: Dreimal an der eigenen Planung gescheitert.

Dienstag, 13.06.2023
Morgens 10°, Nachmittags 24°; sonnig und klar
9h mit Pausen; 6h reine Laufzeit
29km
Mālpils nach Sigulda

Entspannter Tag, 24km bis nach Sigulda. Morgen ein Tag Pause, also beste Aussichten. So der Stand zum Start des Tages. Die Überschrift lässt natürlich schon vermuten, daß es anders kommen wird.


Mālpils liegt schnell hinter mir. Nach ein paar Plattenbauten und der Wakeboard-Anlage kommen nur noch ein paar vereinzelte Häuser. Nicht mal eine knappe Stunde später stehe ich schon wieder auf freiem Feld und sehe kein einziges Haus. Frühstückspause mit fermentierten Gurken; hab ich noch nie probiert, quasi nochmal eine Stufe heftiger als saure Gurken. Kann man machen, aber irgendwie hätte ich das jetzt gerne mit 4-8 Schnäpsen garniert. Wann war ich eigentlich das letzte Mal betrunken? Keine Ahnung, wie lange das her sein mag. Vielleicht in Daugavpils, als ich zum Abendessen ganze zwei Bier hatte? Viele Perspektiven verändern sich von ganz alleine auf dieser Reise...


Der ehemalige Flugplatz von Mālpils muß der Karte nach irgendwo da drüben auf dem Feld liegen, aber da ist alles genauso zugewuchert und überwachsen, wie ich es von Lettland inzwischen gewöhnt bin. Aber irgendwie auch verständlich. Hier ist ja niemand. Wer zur Hölle soll denn die ganzen Wiesen hier mähen und welche Tiere sollten denn diese ganzen Berge von Heu jemals fressen?

Wie auf Kommando treffe ich eine freundliche Kuhherde, die neugierig zur Begrüssung rüberkommt. Aber die Damen sind noch nicht mal damit fertig, ihre eigene Weide abzufressen. Die Kühe und ich gucken uns ein bißchen neugierig an, aber es bleibt bei einem respektvollen Abstand. Auch ok, ein kleiner Teil von mir hätte zwar gerne wenigstens einmal über die Hand geleckt bekommen, aber andererseits... Wie hätte ich diese Schmiere heute jemals wieder abwaschen sollen?


Eine Stunde später mache ich Mittagspause im Schatten eines Baumes, die sitzende Pausenhaltung rutscht mal wieder in die halb liegende Position ab („Ach, ich mach mal kurz die Augen zu...“). Hier wäre übrigens ein guter Platz gewesen, sich vielleicht mal die Route der nächsten Kilometer auf der Karte anzusehen, aber ich wollte ja dösen. Und so kommt, was kommen mußte.

Der daheim ausgedachte Weg existiert nicht, ich hätte es auf der Karte ahnen können, hatte mich aber von Google Maps verleiten lassen. Dort sind fleißig Wege eingezeichnet, die es aber eigentlich gar nicht gibt. Und die eingezeichnete Brücke über den breiten Wassergraben schon gleich gar nicht. Nicht, daß es sich gelohnt hätte, hier irgendwie durchzuwaten: Am anderen Ufer sehe ich nur undurchdringliches Dickicht.

Aber ich war nicht ganz doof und hatte mir schon sicherheitshalber eine Alternative zurechtgelegt. Eine halbe Stunde weiter geht nochmal ein Stichweg in die richtige Richtung, vielleicht kann man da... Kann man nicht. Der Weg existiert immerhin, hat sogar eine Brücke, endet dann aber unvermittelt auf einem Feld. Weil der Weg halt nur dazu da ist, daß der Bauer mit dem Traktor auf dieses Feld kommt und nicht, damit ich hier quer durch Lettland laufen kann. Es gibt noch eine Alternative zur Alternative, aber je näher ich dieser komme, umso weniger Hoffnung habe ich. Und tatsächlich entpuppt sich auch dieser Versuch als unfreiwilliges Ende vor einem zugewuchertem Weg mit brusthohen Pflanzen. Hier werde ich mich bestimmt nicht 3km mit meinem Rucksack durchkämpfen.

Yup, das hier wäre Ihr Weg gewesen...
Es ist einer der bitteren Momente, in denen ich mir die Niederlage eingestehen muß. Also drehe ich um, laufe den gleichen Weg zurück und kann immerhin an dem gleichen schönen Pausenplatz nochmal Pause machen, an dem ich vor 2 Stunden schon gerastet habe. 2h und 5km Umweg, na herzlichen Dank. Ich hab's ja verstanden, Lettland. Hier ist es so leer, daß es einfach kein verknüpftes Wegenetz gibt. Es gibt die kleinen Landstraßen, die zu noch kleineren Schotterstraßen werden, von denen kleine Stichwege zu den einzelnen Höfen abgehen. Niemand braucht die Verbindung dieser einzelnen Äste. Außer mir vielleicht. Ich rechne mir aus, daß diese Niederlage bedeutet, daß ich die letzten 14km dieses Tages auf der Straße laufen muß (uns diesmal eine richtige Straße, mit Verkehr). Scheiße.

Als ich über den letzten Hügel auf die Straße zulaufe, kann ich in vielleicht einem Kilometer einen kleinen weißen Bus von links nach rechts durchs Bild fahren sehen. Es ist der einzige Bus nach Sigulda, der heute Nachmittag fährt. Ich gebe an dieser Stelle zu, daß meine Laune so tief gesunken war, daß ich heute in diesen Bus eingestiegen wäre. Aber er fährt vor meinen Augen durch das Panorama der sanften Wiesen, wie in einem Werbefilm. Der nächste Bus geht in 5 Stunden. Aber vielleicht besser so.

Zum ersten Mal seit Langem setze ich die Kopfhörer auf und höre Musik. Die letzten 14km sind hart verdientes Brot, mit viel Verkehr auf der Straße und Vollhorsten, die zum Überholen ansetzen, obwohl die genau sehen müssten, daß ich da doch auch noch auf der Straße bin. Ich weiß nicht, wie oft ich auf den Randstreifen oder in den Straßengraben ausweiche, aber irgendwann ist es geschafft. Knapp 3h Landstraße haben mich auf jeden Fall auch geschafft.

Mein Apartment für heute Abend liegt Gott sei Dank gleich am Ortseingang. Die Vermieterin fährt im Jaguar vor und guckt mich etwas mitleidig an. Ohne Auto hier? Ja, in der Tat...

Nach der Dusche schaffe ich es gerade noch so bis in den nächsten Laden und falle dann aufs Sofa. Gott sei Dank mache ich morgen einen Pausentag hier. Das war heute einfach nicht mein Tag.